Grönland

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Grünes Land, eisbedeckt

Grönland – „Grünes Land“, so taufte der Wikinger Erik der Rote den Landstrich, den er nach seiner Verbannung von Island 982 entdeckte. Ein Land voller Überraschungen und Kontraste – monochrom und dennoch bunt.
 

Ein dumpfes Ächzen dringt durch den Schiffsbauch. Es schaukelt gen backbord und wackelt gen steuerbord. Die Nächte an Bord der MS Fram. Ich liebe sie. Zurückversetzt in Kindheitstage, lasse ich mich gemächlich in den Schlaf wiegen, bis ein lauter Stoß mich aus den Träumen reißt. Eine Eisscholle mag gegen den Bug geschlagen sein. Kapitän Rune Andreassen zufolge „kein Grund zur Beunruhigung“. Dennoch: Assoziationen mit der Titanic drängen sich auf. Schlaftrunken sehe ich auf die Uhr. Drei Uhr morgens. Ich ziehe das Rollo ein Stück hoch und sehe im hellen Licht einen majestätischen Eisberg meine Luke passieren.  
Mitternachtssonne. Nur eine der Eigenheiten Grönlands. Sie versetzt einen in einen zeitlosen Zustand. Denn wenn der Tag keinen Anfang kennt und auch kein Ende – verliert die Uhr ihre Bedeutung. So bleibt sie an Deck, während ich von Bord gehe – Landstriche mit klingenden Namen wie Paamiut, Sisimiut, Ilulissat, Kangerlussuaq, Nuuk und Diskobucht kennen lerne. Letztere klingt nach mehr Spaß als tatsächlich vorhanden. Nicht auf Grund ihres lebhaften Nachtlebens hat die Bucht ihren Namen, sondern ihrer diskusähnlichen Form wegen. Nichtsdestoweniger hat Disko viel zu bieten. Vor allem in Sachen Vegetation. Über 560 Blütenpflanzen, Flechten, Moose und Farne gibt es in Grönland. Die meisten Blütenpflanzen finden sich auf Disko – darunter auch das arktische Weidenröschen, die Nationalblume Grönlands. Der Name „Grünland“ ist also bezogen auf die südlichen und westlichen Regionen des Landes durchaus nicht aus der Luft gegriffen. 

Qeqertarsuaq ist eine Ortschaft im südlichen Teil von Disko und zugleich der grönländische Name der Hauptsiedlung der Kommune auf Disko. Übersetzt heißt der unaussprechliche Name „Große Insel“ – und tatsächlich ist die Insel die größte der grönländischen Küste. Grönland selbst hingegen die größte Insel der Welt. Über 2 Millionen Quadratkilometer. Und bescheidene 57.000 Einwohner.  1800 davon leben in Paamiut, der nördlichsten Stadt Südgrönlands bzw. der südlichsten Stadt Grönlands. Die Bezeichnung „Stadt“ hat in Relation zur Gesamteinwohnerzahl Grönlands durchaus ihre Berechtigung – irritierend höchstens für kosmopolitische Touristen. Gleich zwei Taxis kreuzen mehrmals den Weg der Kreuzfahrer. Wie in einer Zeitschleife gefangen, fahren die Fahrzeuge die einzige Straße auf und ab. Definitiv ein Indiz dafür, dass wir uns in einer Stadt befinden. Später torkeln uns angetrunkene „Paamiuter“ entgegen. Alkohol – eine der negativen Begleiterscheinungen der Modernisierung, die auch vor Grönland nicht (komplett) Halt macht; und eine mögliche Erklärung für die Taxis. 

Seit der Kolonialisierung und besonders seit dem 2. Weltkrieg durchlebte Grönland große wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Veränderungen. Nachdem 1953 der Kolonialstatus von Dänemark aufgehoben wurde und Grönland 1979 schließlich eine eigene Verwaltung erhielt, wurden die Menschen quasi von der Steinzeit ins Industriezeitalter katapultiert. Vor allem in Nuuk, der Hauptstadt, sind die gravierenden Veränderungen, denen die Grönländer ausgesetzt waren und sind, sichtbar. Viele Einheimische sind arbeitslos, leben in unansehnlichen Sozialwohnungen. Plattenbauten – sie passen so gar nicht in das Leben der Inuit (Eskimo heißt übersetzt „Rohfleischesser“ und wird als Diskriminierung empfunden. Inuit heißt schlicht „Menschen“). Jahrtausendelang lebten sie im Schutz der Großfamilie in kleinen Dörfern, bis Dänemark ihnen ihren Lebensstil überstülpte – als Teil, wenn auch als autonomer Teil Dänemarks habe Grönland auch Dänemark zu entsprechen. Heute besinnt man sich wieder mehr auf die eigenen Wurzeln, die eigene Kultur und die eigene Sprache, auch wenn Grönland immer noch die Förderungen des Mutterlandes Dänemark benötigt – zumindest so lange, bis man auf Öl stößt und unabhängig wird. 

Abgesehen von Nuuk, zeigen sich Grönlands Orte beschaulich – und ähneln sich oft zum Verwechseln. Hoch oben von Deck hat man die beste Sicht. Man richtet den Liegestuhl nach der wärmenden Sonne aus, trinkt eine Tasse Tee und wartet. Darauf, dass der nächste vorbeiziehende Eisberg noch schöner schimmert, dass die Buckelwale sich etwas näher an das Schiff wagen, dass die grönländische Luft die Lunge restlos von Schadstoffen befreit, dass man als erster das nächste Dorf entdeckt. Von hier oben scheint es, als habe jemand Monopoly-Häuser über die grünen Hügel gestreut. Und so stehen sienun da, in Gelb und Blau und Rot und Grün. Früher hatte jede Farbe ihre Bedeutung; die Verwaltung in rot, das Krankenhaus in gelb, und die Wohnhäuser in rosa, grün und blau. Heute werden die Farben nach eigenen Präferenzen gewählt – und als Fertigteilhaus aus einem skandinavischen Katalog bestellt. Auch Ausdruck von Modernisierung. 

Mit etwas Glück darf der Reisende bei einem „Kaffemik“ die Häuschen auch von innen sehen. Es mag einem komisch vorkommen in fremde Häuser zu gehen, sich an den gedeckten Tisch zu setzen und Kaffee zu trinken, ohne auch nur ein Wort mit der Gastgeberin wechseln zu können, gleichwohl freut man sich darüber, einen kleinen Blick hinter die Kulissen werfen zu dürfen. Freilich ein wenig inszeniert – aber dennoch ein bisschen authentisch. „Kaffemik“ – das ist Kaffeekränzchen auf grönländisch; eine Tradition, die bei besonderen Anlässen stattfindet und wo üblicherweise Klatsch und Tratsch ausgetauscht werden. Wichtigste Regeln: Beim Betreten die Schuhe ausziehen, darauf achten, dass nie zu viele Gäste in einem Haus sind und nie länger als 20 Minuten bleiben. Eine Übertragung dieser Richtlinien auf heimische Verwandtschaftsbesuche hätte unter Umständen ihren Reiz . . . 

Bei dichtem Neben legt die MS Fram wieder ab, lässt das Dörfchen Itilleq und sein „Kaffemik“ zurück. Schön war es hier. Dabei war es „nur“ ein Alternativprogramm. Das Team an Bord ist stets flexibel – und Flexibilität ist auch von den Passagieren gefordert. Es ist nun mal eine Expedition durchs Eis und keine Mittelmeerkreuzfahrt. Hat nicht genau das seinen Reiz für Reisende auf der Suche nach einem der letzten Abenteuer? Wenn man im Panoramadeck sitzt, den kilometerbreiten Eisgürtel vor sich sieht, der ein Einfahren in die Fjorde Südgrönlands unmöglich macht. Wenn man das Unvorhersehbare zulässt, die Schönheit der Reise im Eise genießt. Wenn man beim Anblick eines kalbenden Gletschers in Ilulissat ohne Worte ist und sich im Ewigkeitsfjord neben der Gletscherkante so winzig fühlt. Ja, eine Reise durch Grönland vermag wahrhaftig Perspektiven zu verrücken.