China

Der Kaiser und das Kapital

 

9,6 Millionen Quadratkilometer. 1,3 Milliarden Menschen. China ist voller Superlative. Peking ist bunt. Shanghai ist rasant. Zeit ist knapp. Bleibt nur, rast- und atemlos zu staunen. Und bei der Geschwindigkeit nicht aus dem Takt zu kommen.

 

Nur neun Tage für zwei so unersättliche und konträre Metropolen wie Peking und Shanghai einzuplanen, könnte man durchaus als eilig bezeichnen. Aber Zeit genug, um das „Best of“ kennen zu lernen und mit dem dringenden Gefühl nach Hause zu reisen, etwas vergessen zu haben. Man muss wiederkommen. Bis dahin beobachten wir China einfach „wie die Blumen vom Pferd aus“. Ein chinesisches Sprichwort. Eines von vielen, das diese Reise begleitet. Ein kurzbeiniger Mann und eine hasenschartige Frau sollten miteinander vermählt werden. Beide gaben sich Mühe ihre Makel beim ersten Augenschein bestmöglich zu verbergen. Der Kurzbeinige beschloss auf einem Pferd an der Holden vorbeizureiten. Die Hasenschartige verdeckte ihr Gesicht mit einem Blumenstrauß. Die Makel blieben unbemerkt. Die Blumen vom Pferd aus betrachten, meint demnach ein nur oberflächliches Betrachten. Und das ist es, was wir auf dieser Reise tun, wenn auch vom Bus aus – und nicht vom Pferde.

 

Peking von A bis Z, im Sinne der Pferde und Blumen: Alt – rund 3000 Jahre. Blau – Olympisches Schwimmzentrum. Charismatisch – Altstadt. Dunkelgrün – 100-jährige Eier. Entspannend – Traditionelle Chinesische Medizin. Fake – Plagiate am Seidenmarkt. Groß – Mauer, 6350 Kilometer lang. Harmonisch – dank Feng-Shui. IdyllischSommerpalast. Jenseitig – Himmelstempel aus dem 15. Jahrhundert. Kaiserlich – Verbotene Stadt. Lächelnd – immer. Ming-Dynastie – 1368 bis 1644. Neu – beinah alles. Olympisch – 2008. Prachtvoll – Fußgängerzone Wangfujing. Qing-Dynastie – 1622 bis 1911. Rot – Mao-Bibel. Schrill – Pekingoper. Traditionell – Pekingente. Urig – Rikschafahrt. Verwunderlich – Seepferdchenspieß am Nachtmarkt Wangfujing. Westlich – Jugend. XXL – Architektur. Yuan-Dynastie – 1279 bis 1368. Zensiert – u.a. Internet.

 

Gerade im letzten Jahr war Peking im Fokus der Welt. Die westliche Welt interessiert sich vor allem für Umweltverschmutzung und Proteste. Als Dessert dazu ist alles willkommen, was mit tibetischer Unabhängigkeit zu tun hat. China hingegen wollte mit den Olympischen Spielen vor allem ein Symbol des Aufstiegs setzen. Und ein guter Gastgeber sein. Eine Welt, ein Traum, so das Motto. Schlussendlich war es ein verpasstes Rendezvous zwischen China und dem Westen. Was bleibt, sind die großen Veränderungen, die Olympia mit sich brachte. Vor allem die architektonischen: das „Vogelnest“ (Nationalstadion), das „Ei“ (das große Nationaltheater), der größte Flughafen der Welt und viele neue U-Bahn-Strecken. Damit können alle etwas anfangen. Im Gegensatz zu den avantgardistischen Kunstgebilden, die vielen Chinesen völlig fremd und identitätslos erscheinen.

 

Peking ist so groß, dass der Besucher die Dimensionen allenfalls erahnt. Man tut sich schwer, etwas zu finden. Doch wer das System der Ringstraßen verstanden hat, genau weiß, wo er hin will, und dies noch in chinesischen Zeichen festgehalten hat, kommt wahrscheinlich auch zum Ziel. Doch die Verständigung ist ein Stolperstein. In Peking wie Shanghai.

 

In Shanghai kam es so zu einer ungewollt langen Rundfahrt mit dem Taxi. Ziel sollte der California Club im Fuxing Park sein. Eine der Topadressen für Nachtschwärmer. Der Name steht in chinesischen Zeichen auf einem kleinen Stück Papier. Ein kurzer Blick des Fahrers. Ein Nicken. Los geht es. Vorbei an der illuminierten Skyline der 30-Millionen-Metropole. Genug Zeit für Fotos. Zum Beispiel von der Nanjing-Road, der Haupteinkaufsstraße Shanghais, oder dem Oriental Pearl Tower, dem Wahrzeichen der Stadt, dessen leuchtende Kugeln aufgefädelte Perlen darstellen sollen. „In Peking fühlt man die Macht des Kaisers. In Shanghai die Macht des Kapitals“, erklärte unser Reiseleiter gleich zu Beginn. Er hat Recht.

 

Ein Stopp am „Bund“ lohnt. Die Uferpromenade bietet freie Sicht auf die architektonischen Highlights der Stadt und auf koloniale Relikte. Ein Zeppelin schwebt als Werbefläche hoch über den Dächern, während ein Dampfer am Huangpu-Fluss auf einer digitalen Bildfläche Werbespots der Baufirma Liebherr zeigt. Wie passend. Die riesigen Baustellen sind gute Orientierungshilfen. Vor allem der weltgrößte Flaschenöffner bleibt in Erinnerung – das Shanghai World Financial Center wurde letztes Jahr eröffnet und ist mit seinen 492 Metern Höhe das derzeit drittgrößte Bürogebäude der Welt. Vor 18 Jahren war der Feuerwehrturm mit seinen 27 Metern hier das höchste Bauwerk. Die Geister schieden sich anfangs an der großen kreisrunden Öffnung am oberen Ende des Gebäudes. Diese ähnle angeblich der japanischen Flagge. Dem wurde durch eine eckige Öffnung ein Ende bereitet, mit dem Ergebnis, dass der optische Effekt eines „Flaschenöffners“ noch verstärkt wurde.

 

 

Hauptsache Feng-Shui. Unter Mao Tse-tung war diese Lehre in China verboten. Mit dem generellen Verbot nach der Kulturrevolution wanderten die meisten professionellen Feng-Shui-Meister nach Taiwan und Hongkong aus. Heute ist Feng-Shui präsent wie nie. „Öffnungen spielen dabei immer eine große Rolle. Sie schützen vor bösen Geistern“, erklärt Zeng, unser Reiseleiter.

 

Der Fahrer hält, nicht ohne vorher noch ein weiteres Lokal auf unseren Zettel zu kritzeln. Ein Geheimtipp? Wir finden den California Club trotz langer Suche nicht und nehmen erneut ein Taxi. Wir zeigen auf den Namen, den Herr Hong notiert hat. Freuen uns auf ein unbestimmtes Ziel. Auf das „echte“ Shanghai-Nightlife. „Passt auf, dass ihr nicht ,shanghait‘ werdet“, hat Zeng noch gemahnt. „Shanghait werden“? Noch nie gehört. Der Begriff entstand während der Opiumkriege und bezeichnet in der Seemannssprache das gewaltsame Rekrutieren von betrunkenen Seeleuten. Wieder zieht Shanghai an uns vorbei. Von „shanghait werden“ keine Spur. 40 Minuten später bleiben wir stehen. Golden Jade Sunshine Hotel leuchtet in großen Buchstaben von den Gemäuern. Von wegen Geheimtipp – wir stehen vor unserem Hotel. Typisch Langnase.

 

Im südlichen Umland Shanghais liegt Suzhou, eine der ältesten Städte der Jangtse-Region. Wann immer von den märchenhaften chinesischen Gärten geschwärmt wird, meint man in erster Linie diesen Ort. Die über 2500 Jahre alte Stadt ist gleichsam zum Synonym für die berühmte Landschaftsarchitektur Chinas geworden. Es ist so reich an Schönheit, dass es schon im alten China sprichwörtlich war: „Im Himmel gibt es das Paradies, auf Erden Suzhou.“ Unweit von hier liegt das malerische Wasserdorf Tongli. Per Gondel schippern wir durch die engen Kanäle. Die Zeit gönnt sich eine Atempause. Zeitlupe.

 

Zeitraffer tags drauf. Der Transrapid katapultiert uns mit bis zu 433 km/h vom Stadtzentrum zum Flughafen. 30 Kilometer in sieben Minuten. Die Reise endet, wie sie war – rasant und spektakulär.